Von den Berufsbildenden Lehranstalten des Kreises Beckum zu den Berufsbildenden Lehranstalten des Kreises Warendorf in Beckum

Berufsschuldirektor Nonhoff konnte sich nun in verstärktem Maße dem weiteren Ausbau des gewerblich-technischen und gewerblich-hauswirtschaftlichen Schulsystem zuwenden. Dringend erforderlich waren Neuanschaffungen von neuzeitlichen Lehr- und Anschauungsmitteln und die Vorbereitungsarbeiten für ein neues zentrales Berufsschulgebäude in Beckum.

 

Am 01.04.1955 wurde den Berufsbildenden Lehranstalten des Kreises Beckum eine 7-semestrige gewerbliche Berufsaufbauschule in Abendform angegliedert. Nach erfolgreichem Studium erhielt man damals die "Fachschulreife", die Voraussetzung war für das Studium an einer Ingenieurschule. Wie notwendig diese Schulart war, geht aus der großen Zahl der Anmeldungen hervor. Es hatten sich zu dem ersten Lehrgang rund 200 Bewerber gemeldet, von denen aber nur 30 aufgenommen werden konnten (1 Klasse). Raum- und Lehrermangel ließen nicht mehr Klassen zu.

 

Die räumlichen Verhältnisse besserten sich, als man am 01. Juli 1955 die ersten beiden Bauabschnitte des neuen Berufsschulgebäudes an der Kettelerstraße von der gewerblich-technischen Abteilung der Berufsschule und von der Meisterschule für das Tischlerhandwerk bezogen werden konnten. Nachdem im Herbst 1956 auch der dritte Bauabschnitt des neuen Berufsschulgebäudes fertiggestellt war, wurde die Schule am 23.10.1956 in einem Festakt ihrer Bestimmung übergeben. Die Festansprache hielt als Vertreter des Kultusministers von NRW Herr Oberschulrat Schroer. Seinen Ausführungen entnehmen wir u. a. folgendes: "Wie keine andere Schulart ist gerade die Berufsschule verpflichtet, ihr Ohr an den Pulsschlag der Zeit zu legen, wenn sie ihrer staats- und wirtschaftspolitischen Aufgabe gerecht werden will. Sie muß unabhängig bemüht sein, die gegebene Situation in ihre Arbeit einzubeziehen, teils vorausschauend, planend, teils erkennend gestaltend." Und er fuhr fort: "Es möge in diese Schule nicht ein neuer Geist, sondern ein wacher Geist einziehen. Es muss zur Ehre unserer Berufsschullehrer, vornehmlich der älteren, gesagt werden, daß sie diese Wachheit des Geistes in hohem Maße besessen und auch praktiziert haben. Sonst wäre die Pionierarbeit der Schaffung eines Schultyps, der aus unserem Bildungsgeschehen nicht wegzudenken ist, in den nur 30 Jahren seiner Entwicklung nicht gelungen. Lange genug hat sich die Berufsschule, räumlich gesehen, mit den abgelegten Kleidern der anderen Schulen begnügen müssen. Aber diese Zeit ist überstanden. Überall im Lande regt es sich, und wir können nur hoffen, daß der stets wache Geist der Pioniere der Berufsschule aus der Vergangenheit auch einziehen möge in die Berufsschule der Zukunft."

 

Mit der Errichtung eines neuen Berufsschulgebäudes in Beckum in 3 Bauabschnitten - ein vierter Bauabschnitt kam im Jahre 1970 hinzu - war der Schulraumnot im Berufsschulbereich in einem beträchtlichen Maße abgeholfen. Inzwischen war auch der vom Kreistag beschlossene Maßnahme, dass die Schulorte Oelde und Neubeckum bei gleicher Dringlichkeit ebenfalls berücksichtigt werden sollten, durch die Planung von Berufsschulneubauten in diesen beiden Orten entsprochen. Die Einweihung des Berufsschulgebäudes in Oelde, Düdingsweg, erfolgte am 20.06.1958, und des Berufsschulgebäudes in Neubeckum, Turmstraße, am 30.10.1958.

 

Anfang 1958 erfolgte die Angliederung der noch in einigen Gemeinden bestehenden ländlichen Berufsschulklassen an die Berufsbildenden Lehranstalten des Kreises Beckum. Dadurch erhöhte sich die Schülerzahl beträchtlich. Sie betrug im Schuljahr 1957/58 insgesamt 3781.

 

Am 20.06.1958 starb der ehemalige Leiter, Herr Berufsschuldirektor Paul Zwickert, der nach dem Kriege noch einige Jahre an der Schule unterrichtete.

 

Von besonderer Bedeutung für das berufliche Bildungswesen im Kreise Beckum war die Gründung der Technikerschule Oelde am 01.04.1964. Sie bestand zunächst nur aus der Abteilung Holztechnik. Am 01.04.1965 kam die Abteilung Maschinenbau hinzu. Herr Berufsschuldirektor Nonhoff erhielt die kommissarische Leitung. Untergebracht war die Fachschule zunächst im Berufsschulgebäude am Düdingsweg und ab 01.08.1972 in der Augustin-Wibbelt-Schule (Fachrichtung Maschinentechnik) und in den Schulungsräumen der Kreishandwerkerschaft in Beckum (Fachrichtung Holztechnik). Die Leitung der Fachschule lag vom 01.03.1967 an in den Händen des Dipl. Ing. und Baurates Helmut Kramer, der im Oktober 1975 im Alter von 61 Jahren verstarb. Seit dem 01.08.1978 ist die Technikerschule Oelde, Fachschule des Kreises Warendorf, Bestandteil der Berufsbildenden Lehranstalten des Kreises Warendorf in Beckum.

 

Am 01.04.1966 erfuhr die einjährige Haushaltungsschule eine Erweiterung. Seit dieser Zeit wird sie als zweijährige Berufsfachschule für Hauswirtschaft und Ernährung geführt. Sie vermittelt neben einer erweiterten Allgemeinbildung eine berufliche Grundausbildung und schließt mit der Fachoberschulreife ab.

 

Zum Schuljahresbeginn 1969 entsprach die Regierung in Münster dem Antrag des Schulträgers auf Errichtung einer Fachoberschule - Fachrichtung Technik - mit den Abschluss der Fachhochschulreife. Infolge der Umwandlung der Ingenieurschulen zu Fachhochschulen genügte als Voraussetzung für die Aufnahme des Fachhochschulstudiums nicht mehr die Fachschulreife. Voraussetzung war die Fachhochschulreife. Am 01.08.1969 begann in Beckum der Unterricht mit der Klasse 11. Am 01.08.1970 wurde eine Klasse 10 (Vorklasse zur Fachoberschule) und eine Klasse 12 eingerichtet. Die Klasse 10 ersetzte von nun an die Berufsaufbauschule und schloss nach 2 Semestern mit der Fachoberschulreife ab. Die Klasse 10 hat Bestand gehabt bis zum Jahre 1980. Sie wurde dann laut Erlass des Kultusministers von NRW in eine Berufsaufbauschule in Vollzeitform (3 Semester) und in eine kombinierte Form (4 Semester Teilzeitform plus 2 Semester Vollzeitform) umgewandelt. In Beckum entschied man sich für die Vollzeitform.

 

Am 31. Juli 1970 trat der Leiter der Schule, Herr Oberstudiendirektor Hubert Nonhoff, in den wohlverdienten Ruhestand. Er leitete die größte Schule im Kreise Beckum und die größte Berufsschule im Regierungsbezirk Münster seit dem 01.09.1949 mit viel Umsicht und persönlichem Engagement. Ebenso wie sein Vorgänger Herr Liebelt hat er sich für den weiteren Ausbau des beruflichen Bildungswesens im Kreise Beckum verdient gemacht. Herr Nonhoff starb am 13.11.1972.

 

Zum Nachfolger von Herrn Nonhoff wählte der Kreistag am 19.06.1970 in nichtöffentlicher Sitzung Herrn Oberstudienrat Berthold Gleß aus Marl. Der neugewählte 43-jährige Schulleiter erhielt seine Ausbildung auf der Berufspädagogischen Akademie in Solingen/Ohligs. Anschließend war er mehrere Jahre als Lehrer in Metallfachklassen an den Berufs- und Berufsfachschulen in Gelsenkirchen und Marl tätig.

 

Seine vordringliche Aufgabe sah Herr Gleß sofort nach der Amtsübernahme darin, die für einen zeitgemäßen Berufsschulunterricht erforderlichen Werk- und Übungsräume zu schaffen. Der Ausbau der Schule ging in der Folgezeit zügig weiter. Trotz aller Probleme, insbesondere wegen des akuten Raummangels und der steigenden Schülerzahl erlebte die Schule eine erfreuliche Aufwärtsentwicklung.

 

Am 01.08.1971 wurde den Berufsbildenden Lehranstalten in Beckum eine zweijährige Berufsfachschule für Kinderpflegerinnen angegliedert. Sie vermittelt eine hauswirtschaftlich-sozialpflegerische Ausbildung mit starker Betonung kinderpflegerischer Aufgaben. Die Ausbildung schließt mit einer staatlichen Prüfung ab. Nach Ableistung eines einjährigen Berufspraktikums wird die Berechtigung verliehen, die Berufsbezeichnung "Kinderpflegerin" zu führen.

 

Am 01.09.1972 erfolgte die Angliederung einer weiteren Berufsfachschule, nämlich der 1-jährigen Berufsfachschule für Hauswirtschaft und Ernährung. Der Besuch dieser Schule ist Schülerinnen mit einem mittleren Bildungsabschluss (Mittlere Reife bzw. Fachoberschulreife) zu empfehlen, die beabsichtigen, den Beruf der Erzieherin (Kindergärtnerin), Diätassistentin, Krankenschwester, Kinderkrankenschwester, Hauswirtschaftsleiterin, Energieberaterin, Gymnastiklehrerin, med.-technische Assistentin, zu ergreifen.

 

Das reiche Bildungsangebot für Mädchen wurde mit Beginn des Schuljahres 1973/74 noch erweitert durch eine Berufsgrundschule (BGS) für das Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft. Das Berufsgrundbildungsjahr vermittelt eine berufliche Grundbildung. Dadurch wird Jugendlichen die überlegte Entscheidung für einen bestimmten Beruf erleichtert. Der erfolgreiche Besuch des Berufsgrundschuljahres wird auf die Dauer einer anschließenden Berufsausbildung (Lehre) in der Regel mit einem Jahr angerechnet, wenn der Schüler bzw. die Schülerin einen Beruf aus dem im Berufsgrundschuljahr unterrichteten Berufsfeld wählt. Die Möglichkeit, ein Berufsgrundschuljahr zu besuchen, besteht auch in der gewerblich-technischen Abteilung der Berufsbildenden Lehranstalten in Beckum. Hier besteht seit dem 01.08.1978 ein Berufsgrundschuljahr in den Berufsfeldern Metalltechnik und Holztechnik und seit dem 01.08.1980 im Berufsfeld Elektrotechnik.

 

Auch das Berufsvorbereitungsjahr ist seit 1976 bzw. seit 1977 Bestandteil der Berufsbildenden Lehranstalten in Beckum, und zwar mit den Berufsfeldern Metalltechnik, Holztechnik, Ernährungs- und Hauswirtschaft, Textiltechnik und Bekleidung, Gesundheit und Körperpflege. Im Berufsvorbereitungsjahr erhalten alle Schüler(innen) Unterricht in Deutsch, Politik, Wirtschaftslehre, Mathematik, Naturwissenschaften, Sport und Religionslehre. Darüber hinaus erfolgt eine fundierte praktische und theoretische Unterweisung in 2 bis 3 Berufsfeldern.

 

Berufsfachschule (BFS), Berufsgrundschule (BGS) und Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) haben an Bedeutung gewonnen, weil das Schulpflichtgesetz vom 04.07.1979 eine zehnjährige Vollzeitschulpflicht vorsieht, die im letzten Jahr nicht nur an einer allgemeinbildenden Schule sondern auch an den 3 genannten Schultypen erfüllt werden kann.

 

Durch die Zusammenlegung der Kreise Beckum und Warendorf 1975 änderte sich auch die Bezeichnung "Berufsbildende Lehranstalten des Kreises Beckum" in "Berufsbildende Lehranstalten des Kreises Warendorf in Beckum".

 

Die seit Jahren bestehende Raumnot an den Berufsbildenden Lehranstalten in Beckum hat sich auf den Unterrichtsablauf sehr negativ ausgewirkt. Durchschnittlich mussten etwa 12 - 15 Klassen nachmittags beschult werden. Nebenräume, wie z. B. die für eine berufsbildende Schule unbedingt erforderlichen Fach-, Übungs- und Demonstrationsräume wurden zu Klassenräumen umfunktioniert. So beschloss dann auch der Kreistag Warendorf den Neubau eines gewerblich-technischen Berufsschulzentrums in Beckum am Hansaring, zumal sich der Bund und das Land mit etwa 75 % an den Kosten beteiligten. Mit den Planungen wurde der Architekt und Diplom-Ingenieur Hans-Jürgen Harrendorf, Beckum, beauftragt, der als Sieger aus dem Preiswettbewerb hervorgegangen war. Mit den Planungen begann man 1976. Im September 1980 fand das Richtfest statt. Zum neuen Schuljahr 1982/83 wird der moderne Schulbau fertig sein.

 

Zu dieser Zeit besuchten 3539 Schülern und Schülerinnen die Berufsschule. Sie wurden von .93 hauptamtlichen und 6 nebenamtlichen Lehrpersonen in 161 Klassen unterrichtet. Ca. 2500 Schülerinnen und Schüler besuchten ab diesem Zeitpunkt das neue Schulgebäude, die gewerblich-technische Abteilung am Hansaring 11; ca. 1000 Schülerinnen und Schüler der hauswirtschaftlichen Abteilung, zusammengesetzt aus den Berufen Nahrung, Körperpflege, Bekleidung und Hauswirtschaft, verblieben im Altgebäude an der Kettelerstraße 7.

 

Mit der Fertigstellung des neuen Berufsschulzentrums am Hansaring werden die Aufnahmemöglichkeiten und die Weiterentwicklung der Schule beträchtlich gesteigert. Denn es entstehen nicht nur zweckentsprechende moderne Unterrichtsräume, sondern auch nach den neuesten Erkenntnissen eingerichtete funktionsgerechte Übungs-, Demonstrationsräume und Werkstätten für den gesamten gewerblich-technischen Bereich.

 

So können denn der Leiter, die Lehrer und die werktätigen Jugendlichen aus dem Altkreis Beckum hoffnungsfroh in die Zukunft schauen. Soweit menschliche Beurteilung es voraussehen kann, wird sich die Schule in aufsteigender Linie weiterentwickeln.

 

Man kann diese Übersicht über die Entwicklung des berufsbildenden Schulwesens im Altkreis Beckum nicht schließen, ohne nicht dem Herrn Landrat Predeick, dem Herrn Oberkreisdirektor Schulte und den Kreistagsabgeordneten des Kreises Warendorf herzlich zu danken für das Verständnis, das sie den Problemen des berufsbildenden Schulwesens entgegengebracht haben, insbesondere aber für die Errichtung und großzügige Ausstattung dieses z. Zt. modernsten Gebäudes in der Umgebung. Das Haus zu fruchtbarem Leben zu erwecken und mit dem rechten Geist, einem wachen Geist zu erfüllen, ist Aufgabe der Pädagogen und der ihnen anvertrauten Jugendlichen.

 

"Und da sich die neuen Tage aus dem Schutt der alten bauen,
kann ein ungetrübtes Auge rückwärts blickend vorwärtsschauen."
(F. W. Weber)

 

Beckum, 15. 07. 1982
Studiendirektor Reinhold Schütter
Stellvertretender Schulleiter

Anmerkung

Herr StD Reinhold Schütter, geboren am 26. Januar 1915, war seit 1938 an den Berufsbildenden Lehranstalten des Kreises Warendorf in Beckum tätig. Er war daher mit der Geschichte des berufsbildenden Schulwesens im Raum Beckum sehr vertraut. Mit viel Fleiß und Engagement konnte er somit diese Chronik erstellen. Nach 40-jähriger Dienstzeit trat Herr Schütter zum Schuljahresende 1979/80 in den verdienten Ruhestand. Herr Schütter verstarb kurz vor Erreichen seines 70. Geburtstages am 20. Januar 1985.


Benutzte Literatur

Beckum 1224 - 1924 / Werden und Wachsen der Stadt
Verlag Ruhfus Dortmund 1924

 

Hermann Steinmann; Chronik von Beckum bis 1930
Druck Funcke Beckum 1980

 

Beckumer Heimatbuch 1950; Beitrag "Die Berufs-, Berufsfach- und
Fachschulen des Kreises" - von R. Schütter
Druck Vogel Beckum

 

Dr. Friedrich Lammert; 125 Jahre Freie Bäuerliche Standesvertretung
Kreis Beckum
Druck Holterdorf Oelde

 

Neuordnung des Berufsschulwesens im Kreises Beckum -
Beitrag in der Nationalzeitung vom 07. 04. 1935

 

Fritz Blöttner u.a.; Handbuch für das Berufsschulwesen
Quelle und Meyer Heidelberg 1960

 

Alfred Kühne; Handbuch für das Berufs- und Fachschulwesen
Quelle und Meyer Leipzig 1928

 

Dr. Otto Monsheimer; Drei Generationen Berufsschularbeit
Beltz-Verlag Weinheim

 

Oskar Liebich; Die Verwaltung der Berufsschulen
Verlag Julius Beltz Berlin/Leipzig 1930

 

Schmieder/Ahlmer/Winkelmann; Stadt Beckum 1974
Verlag Holterdorf Oelde

Mensa am Hansaring


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